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„Jede nicht verbrauchte Kilowattstunde zählt”

Energieautonomie-Programmleiter Christian Vögel im Gespräch über die Energieversorgung in diesem Herbst und Winter.

Land Vorarlberg

Was erwartet uns in den kommenden Monaten, wie hart wird uns die Energiekrise treffen?

Christian Vögel: Diesen Herbst und Winter werden wir kein business as usual haben. Wie die Situation genau aussehen wird, können wir nicht wissen. Das hängt von verschiedensten Faktoren ab. Die unsicheren Gasströme aus Russland sind einer davon. Aber auch der Winter an sich – wird er kalt, wird er milde – hat darauf Einfluss. Maßnahmen, um diese Unsicherheiten auszugleichen, sind bereits in der Umsetzung. Die Gasspeicher werden gefüllt. Bis Anfang November sollten diese bis zu 80 Prozent voll sein. So wie es aktuell aussieht, kann dieses Ziel erreicht werden. Es wurden zudem neue Bezugsquellen eröffnet und auch Energieträgerwechsel forciert. Außerdem können alle einen Beitrag leisten. Es gilt: Jede nicht verbrauchte Kilowattstunde (kWh) hilft. Und: Muss auch nicht bezahlt werden. Jede Kilowattstunde an Gas, die wir jetzt nicht verbrauchen, geht in den Speicher.

Der Zusammenhang zwischen ausbleibenden Gaslieferungen und Stromsparen ist vielen nicht klar. Warum geht der Strompreis rauf, wenn Gas knapp ist?

Christian Vögel: Gas wird noch häufig in der Stromproduktion - Stichwort Gaskraftwerke – eingesetzt. Hier gibt es also einen direkten Zusammenhang zwischen Strom und Gas über die Preisbildung im europäischen Marktsystem. Das heißt: Das Kraftwerk mit den höchsten Grenzkosten, das noch notwendig ist, um den Bedarf zu decken, gibt den Preis vor. Im Moment sind das die Gaskraftwerke. Geht der Preis für Gas nach oben, folgt auch die Erhöhung des Strompreises.

Die EU hat einen Gasnotfallplan erstellt. Er gibt vor, dass alle EU-Mitgliedstaaten ihren Gasverbrauch von 1. August 2022 bis 31. März 2023 freiwillig um 15 Prozent senken. Der Plan ist allerdings unverbindlich. Ist das nicht zahnlos?

Christian Vögel: In der ersten Stufe soll eine Reduktion um 15 Prozent durch freiwillige Maßnahmen der Mitgliedstaaten erreicht werden. Das stimmt. Sind die freiwillig gesetzten Maßnahmen nicht ausreichend und verschärft sich die Situation, kann ein sogenannter Unionsalarm ausgelöst werden. In diesem Fall kommen dann verpflichtende Maßnahmen hinzu. Voraussetzung dafür ist die Zustimmung von 15 EU-Ländern, die mindestens 65 % der EU-Bevölkerung abdecken.

Haushalte gehören zu den geschützten Kunden (laut EU SOS Verordnung Gas) – müssen wir dann überhaupt Befürchtungen haben?

Christian Vögel: Haushalte genauso wie Krankenhäuser, soziale Einrichtungen oder Betriebe, die notwendig für die allgemeine Grundversorgung sind, zählen zu den geschützten Kunden. Die Versorgung sollte hier gesichert sein. Aber: Mit Energiesparen kann jeder Haushalt einen wichtigen Beitrag zum Gesamten leisten. Ich kann nur wiederholen, jede Kilowattstunde, die nicht gebraucht wird, muss nicht bezahlt werden und entlastet das Gessamtsystem. Haushalte verursachen 50 Prozent des Gesamtverbrauches an Gas in Vorarlberg. . Es gibt rund 35.000 Gasheizungen. Wenn jeder Haushalt etwas spart, kommt da schon was zusammen und es profitieren alle.

Worst Case? Best Case?

Christian Vögel: Fangen wir mit dem Best Case an: Die freiwilligen Einsparmaßnahmen sind ausreichend, die gesetzten Maßnahmen wirken. Wir kommen also gut durch den Winter. Der Worst Case wäre, wenn das Gas tatsächlich knapp werden würde. Dann träte der Energielenkungsfall ein. Das heißt vereinfacht: Der Markt wird außer Kraft gesetzt und der Staat teilt bestimmte Verbrauchskontingente zu. Die Energielenkung ist auch nach Energieträgern differenziert. Die Vorgehensweise bei Gas unterscheidet sich bei der von Strom. Für Gas ist zum Beispiel im Fall der Energielenkung ausschließlich der Bund zuständig. Laut Energielenkungsgesetz-Gas wären zuerst Anlagen mit 50 MW Leistung betroffen. Anlagen dieser Größe gibt es in Vorarlberg nicht. Reichen diese Maßnahme nicht, werden sie ausgeweitet. Ausgenommen sind die erwähnten geschützten Verbraucher wie z.B. Haushalte. Was aber nicht heißt, dass Haushalte nicht aufgefordert sind ihren Verbrauch höchstmöglich zu reduzieren.

Was kann jede und jeder tun?

Christian Vögel: Man kann den Energieträger wechseln. Und hier natürlich auf erneuerbare Energieträger umsteigen, oder Investitionen zur Senkung des Verbrauchs wie zum Beispiel Gebäudesanierungen oder Wärmerückgewinnung tätigen. Das braucht aber eine längere Vorlaufzeit. Sind solche Maßnahmen nicht schon seit längerem geplant, wird eine Umsetzung aufgrund der Zeitknappheit für den kommenden Winter nicht mehr möglich sein. Ansonsten gilt Energiesparen, wo es nur möglich ist. Das kann man sofort tun und meistens sind gar keine oder nur sehr geringe Kosten damit verbunden. Zum Beispiel die Raumtemperatur senken, nicht genutzte Räume nur temperieren, nicht zu lange duschen .Auch das Auto möglichst stehen lassen, Bus, Fahrrad oder Bahn benutzen. Und wenn man das Auto braucht: freiwillig auf der Autobahn Tempo 100 fahren. Deckel auf den Kochtopf, den Standby-Modus vermeiden, die Lichter nur dann einschalten, wenn es nötig ist. Die Tipps mögen etwas altmodisch klingen, aber sie tragen dazu bei, den Energieverbrauch zu senken. In diesem Zusammenhang gilt: Kleinvieh macht auch Mist. Wenn in jedem Haushalt nur einige Anpassungen vorgenommen werden, können hier viele Kilowattstunden und somit Kosten eingespart werden. Das gesamte Energieversorgungssystem wird entlastet.